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ZENSATION

EL GRAN CIRCO NACIONAL DE CHINO


 

 „Begnadete Körper“ in Santa Cruz

 

Am Innenraum des Hauptzeltes wird noch eifrig gewerkelt. Hier wird in knapp drei Stunden der „Große Chinesische National-Zirkus“ seine Teneriffa-Premiere beginnen und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Letzte Kabel werden verlegt, die Scheinwerfer getestet. Von der Kuppel des Zeltes hängen breite Stoffbänder herab, an denen die Jüngsten der Truppe vor der Aufführung noch einmal trainieren. Gewandt wie die Kätzchen schrauben sie sich an den Bändern in schwindelnde Höhe, vollführen dort Atemberaubendes, seilen sich blitzschnell wieder ab.
Backstage
Gleich hinter dem Hauptzelt ist ein weiteres Zelt aufgeschlagen. Darin herrscht ein betörender Duft. Er dringt aus einer mit einfachsten Mitteln eingerichteten Küche, die an eine Feldküche erinnert. In riesigen Kochern dämpft Reis; in überdimensionalen chinesischen Garpfannen schmurgeln Gemüse und Fleisch in würzigen Saucen; dazu ist Salat angerichtet. Jeder bedient sich, wie er mag. Hölzerne Essstäbchen stehen in Gläsern auf den schmalen hölzernen Tischen. Glück für die ganze Artisten-Familie, die aus rund sechzig Personen besteht. Jeder spült nach dem Essen seine Schale und die Stäbchen ab. Wer rauchen will, geht nach draußen. Dort spielen ein paar Mitglieder der Truppe Xiangqi, die chinesische Variante des Schach.
Nirgendwo in der Kantine ist nur die geringste Anspannung zu spüren, obwohl der Countdown zu einer Veranstaltung läuft, in der alle Artisten mehr als zwei Stunden lang Unglaubliches zu leisten haben werden. Fast unscheinbar hocken sie da. Und fast unscheinbar wirken auch die Requisiten und die Kostüme, die hinter einer abtrennenden Zeltplane untergebracht sind. Erst mit Beginn des Spektakels werden Akteure und Dinge ihr wahres Leben entfalten und die Zuschauer bezaubern. So ist das bei Profis der Kunst und Artistik: Der bestechende Schein ist das Sein. „Aber was tragen Sie darunter?“ - Diese Frage ist, genau genommen, nicht erlaubt.
Sechs Jahre Lehrzeit
Profis sind schon die Kleinsten. Chen Gang ist fünfzehn Jahre alt, wirkt jedoch viel jünger. Das mag damit zusammenhängen, dass Asiaten überhaupt viel jünger wirken als Europäer in vergleichbarem Alter. Drei Jahre ist Chen Gang schon als Artisten-Schüler dabei. Noch weitere drei Jahre wird es dauern, bis er seine Lehrzeit abgeschlossen haben wird. Zum ersten Mal hat ihn der National-Zirkus mit ins Ausland genommen. Gerade hat er mit den anderen Schülern noch einmal an den herabhängenden Stoffbändern trainiert. Er genießt es, erstmals im Ausland zu sein. Die mit dem Aufenthalt auf Teneriffa zu Ende gehende Spanien-Tour der Truppe hat ihm gefallen; selbst die Paella. Ein halbes Jahr beinharten Trainings im chinesischen Shangdong wartet anschließend auf ihn. Und dann vielleicht wieder eine halbjährige Auslands-Tournee. Aber tatsächlich nur vielleicht. Denn der „Große Chinesische National-Zirkus“ besteht nicht aus einem festen Ensemble: Rund 160 Artisten-Gruppen in der Volksrepublik China wetteifern jährlich darum, unter dem Markenzeichen „National-Zirkus“ im Ausland auftreten zu dürfen.
Shangdong an der Spitze
Aber die Chancen stehen gut für Chen Gang: Die Shangdong-Truppe, 1959 gegründet, steht in China praktisch konkurrenzlos da. Sie stellt die Elite der chinesischen Akrobatik und geht immer wieder ins Ausland. Selbst ein Film unter dem Titel „Die Helden von Shangdong“ wurde über sie schon gedreht und enthusiastisch besprochen.
Große Familie
Dem Erfolg entsprechend war ein älteres Mitglied der Truppe schon mehr als zehn Mal im Ausland unterwegs - unter anderem in Italien, Holland, Deutschland, Österreich, Belgien, Japan - und jetzt Spanien, natürlich: „Reisen macht Spaß“, sagt Zhao Xin, der 27 Jahre alt und seit sechzehn Jahren in der Shangdong-Truppe zu Hause ist: „Mit elf Jahren anzufangen, das war damals normal; heute fangen manche mit sieben oder acht Jahren an zu trainieren... Und das alles führt dazu, dass wir uns alle praktisch von Kindesbeinen an kennen... Wir leben wie eine große Familie - lauter Brüder und Schwestern... Wir können einander vertrauen und vertrauen einander.“
Genau dies Vertrauens-Können ist für jeden einzelnen der Künstler überlebenswichtig. Wäre die Verlässlichkeit der Brüder und der Schwestern nicht gegeben, es hätte bei der geradezu halsbrecherischen Akrobatik der Truppe dramatische Folgen. Bei der Aufführung kann der aufmerksame Zuschauer erkennen, wie intensiv jeder Beteiligte auf den anderen achtet. Anders wäre die Show, die uns in sprachloser Begeisterung zurückließ, wohl auch nicht denkbar.

Michael Wieseler      Lichtbilder: Klaus Neuner


 

 

 

         

 

 

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